Mitternachtsgeschichten-Wettbewerb | Gewinner
Wir waren dieses Jahr überwältigt von der Qualität der eingesandten Kurzgeschichten, so sehr, dass es uns schwerfiel, einen Gewinner zu küren! Vielen Dank an alle Teilnehmenden, wir haben eure Geschichten und die Erzählungen über Mitternacht sehr genossen. Siân Canns Geschichte entführte uns in diese geheimnisvolle Meereslandschaft und fesselte uns von Anfang bis Ende.

Sie fröstelte, zog ihren Morgenmantel enger um sich und rückte näher an die erlöschenden Glutreste des Feuers heran. Ihr Blick huschte zur Wanduhr; jede noch so kleine Bewegung des Sekundenzeigers brachte sie Mitternacht näher. Die Nacht war in diesem atemlosen Augenblick vor dem Stundenschlag von Vorfreude erfüllt, und als sie endlich ausatmete, sprang sie mit einem Anflug von Entschlossenheit auf, stürmte durch die Hüttentür hinaus in die verhüllte Welt.
Ihr Lauf über die Bucht war so poetisch und zielgerichtet wie das Flüstern des Windes in den Ginkgoblättern, deren nächtliche Stimmen sie zu einem magischen Ort führten, wo Land und Meer sich berühren. Sie verharrte am Rand des Stegs, balancierte anmutig und genoss den Augenblick, während sie aus ihrem seidenen Morgenmantel und ihren zarten Kleidern schlüpfte und deren tiefschwarze Pracht mit den Farben der Nacht verschmolz.
Erst dann erlaubte sie sich, ins Wasser hinabzublicken, und sie war voller Freude, zu sehen, dass sie den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort gewählt hatte; denn dort, unter ihren Füßen, leuchtete das Meer phosphoreszierend. Die aufgewirbelten Algen, die in den Gezeiten tanzten, strahlten ein leuchtendes Blau aus und gewährten einen kurzen Blick in eine andere Welt. Dieses Phänomen hatte ihre Seele berührt, seit sie als junge Frau an diesen Ufern gestanden hatte, als sie gerade erst die Feuer in ihrer Seele entdeckt hatte.
Sie tauchte vom Rand des Stegs, ein eleganter Pinselstrich, der einen Moment lang innehielt, dann umgab sie das phosphoreszierende Leuchten wie ein Sternenmeer und erhellte ihr den Weg zur Oberfläche. Sie trieb am Rande dieses fremden Reiches im Wasser, die Wellen verwandelten sich in ein Feuerwerk, das von ihren Fingern ausging, und auch in ihr spürte sie ein Flackern biolumineszenten Blaus. Sie lächelte, zeichnete Muster aus Tüll auf die leuchtende Oberfläche und bewahrte die Erhabenheit des Augenblicks und das Wunder der Welt in sich auf.
Nach einiger Zeit kehrte sie an Land zurück, voller Tatendrang, die Geheimnisse des Meeres mit anderen zu teilen. Geschmeidig schritt sie den Steg entlang, zog den Morgenmantel wieder um sich und trug die Mitternachtsstunde wie einen Zauber in sich; eine geheimnisvolle, süße Kraft wohnte in ihr, eine rosige Aura der Alchemie umgab sie. Als Gefäß der Nacht schlüpfte sie zurück in die Kabine und schmiegte sich in die verwuschelten Laken, verschmolz mit ihrem Geliebten wie ein Lichtblitz auf der Meeresoberfläche.
Siân Cann
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